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Berlins Kinos – Teil 6

März 22, 2011

Der perfekte Kinoabend.

Kino: Neues Off in Neukölln

Das Neue Off ist das dritte und damit letzte Kino, welches von meiner Wohnung aus fußläufig in 5 Minuten zu erreichen ist. Ich bin schon öfter dran vorbei gelaufen, wenn ich z.B. auf dem nahegelegenen Tempelhof Gelände war. Der unscheinbare Eingang und die kleine (aber keinesfalls schlechte) Filmauswahl haben mich nur nie dazu bewogen das Kino zu betreten. Aber gestern hatte ich nur wenig Zeit nach der Arbeit, brauchte ein Kino in der Nähe. Im Rollberg hatte ich erst am Tag zuvor 2 Filme gesehen und in der Passage lief der Film nicht.
Das Kino liegt auf halber Strecke zwischen den U-Bahnstationen Hermannplatz und Boddinstraße, direkt gegenüber vom St. Jacobi Friedhof. Ein eher ruhiger Abschnitt der Hermannstraße, die eigentlich eine Aneinanderreihung von Dönerläden, Videotheken und Spätis ist. Das Kino versteckt sich im Erdgeschoss eines einfachen Mehrfamilienhauses. An der Wand hängen diverse Schaukästen, in jedem das gleiche Plakat. Wie ich beim näheren Betrachten feststelle läuft tatsächlich ausschließlich dieser Film.
Schon beim Betreten des Kinos kommt ein ungemein gemütliches Flair auf. Der Eingang ist zugleich Aufenthaltsraum, Kasse und Kiosk in einem. Auf der rechten Seite ein paar kleine Bistro Tische, wo sich einige Gäste  angeregt über Filme unterhalten, die von Kinopostern an der Wand beworben werden. Ich stelle mich direkt als Dritter in die Schlange. Der Ticketverkäufer wirkt irgendwie verwirrt, so dass der Kauf eines Tickets verhältnismäßig lange dauert. Er ist dabei jedoch so sympathisch, dass es überhaupt nicht stört. In akribischer Genauigkeit reißt er Tickets ab, stempelt Bonuskarten und holt Getränke aus dem Kühlschrank, um sie  im perfekten Winkel vor das Strichcode Lesegerät zu halten. Das Kinoticket kostet 5,50Euro, weil Kinotag ist. Auf Getränke und Snacks verzichte ich vorerst.
Links neben der Kasse ist der Durchgang zum Kinosaal. Davor steht ein Mann in Stoffhose mit Hosenträgern und Vollbart. Er kontrolliert keine Tickets, sondern begrüßt lediglich jeden Kinogänger. Wie ich später feststelle ist er der Filmvorführer – sympathisch. Im Kino herrschen Pastelltöne – in erster Linie Beige und Türkis. Ich wähle einen Platz in der vorletzten Reihe des Saals und staune über die großen Höhenabstufungen der Sitzreihen. Perfekte Sicht auf die (große) Leinwand. Im Hintergrund läuft 50er Jahre Musik, und wenn das Kratzen nicht von einer Abtastung rührt, läuft diese vom Plattenspieler. Die Sitzlehnen geben Yorck-typisch beim zurücklehnen etwas nach. Das war der Moment, wo ich mir dann doch noch ein im 45° Winkel gescanntes Bier kaufen musste. Zum Start der übrigens extrem unterhaltsamen Werbung sitzen ca. 20 Personen im Kino. Als es nach der Werbung wieder hell wird ertönt nach ca. 2 Minuten ein Gong. Eines steht jetzt schon fest, ich werde wieder kommen!

Film: “In einer besseren Welt”

“In einer besseren Welt” ist nach “Open Hearts”, “Brüder” und “Nach der Hochzeit” der vierte Film von Susanne Bier zusammen mit Autor Anders Thomas Jensen. Schauspieler Ulrich Thomsen ist ebenfalls wieder mit von der Partie, jedoch in einer vergleichsweise kleinen Rolle in diesem erfrischend, unbekannten Ensemble. Der Film beginnt mit wunderschönen Bildern Afrikas. Trotz der recht ausführlichen Anfangssequenz in einem dort ansässigen Flüchtlingslager  hat dieser Teil der Geschichte nur wenig Einfluss auf selbige. Vielmehr nutzt Bier die Szenen in Afrika dazu, darauf aufmerksam zu machen, dass das Thema des Films universell ist und sich jederzeit in Extreme steigern kann.
“In einer besseren Welt” unterscheidet sich von Susanne Biers vorherigen Filmen in erster Linie durch die toll aufgebaute Spannung. So weisen Teile des Films Grundzüge eines Krimis auf, was sicherlich auch dem Thema der Gewalt zuzuordnen ist.  Dem zu Gute kommt das Gespür Biers für Figuren. Man kommt ihnen so Nahe, dass man ständig in Konflikt mit sich selbst gerät. Und das ist bereits die nächste Stärke dieses Films. Er bezieht zu keiner Zeit Stellung, sondern überlässt dies dem Zuschauer. Und so schwankt man zwischen Gut und Böse, nimmt Positionen ein, um sie im Verlauf der Handlung wieder zu verwerfen. Kino zum Mitmachen.
Was mir generell sehr gefällt an Susanne Biers Filmen ist die verwendete Bildsprache. Sie wirkt zu keiner Zeit aufgesetzt oder zeigt mit ausgestrecktem Finger “Ich mache Kunst”! Die Leichtigkeit mit der sie integriert wird ist das, was dem deutschen Film leider häufig nicht gelingt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Szene von Anton, nachdem er von einem fremden Mann geschlagen wird. Er wehrt sich nicht und wirkt schwach in den Augen seiner Kinder. In der darauf folgenden Sequenz sehen wir ihn mit selbigen einen Lenkdrachen steigen. Zudem gibt es ein kurzes Schnittbild eines Windspiels. Was hier vielleicht nach Holzhammer klingt, ist im Film ein harmonischer Übergang zur nächsten Szene. Wer möchte, kann sich daran erfreuen, für alle anderen sind es einfach schöne Bilder.
Zwei weitere Kleinigkeiten möchte ich noch hervorheben. Zum einen die gelungene Inszenierung von Höhe in den Wasserturm Szenen, zum anderen die Integration von modernen Kommunikationsmitteln, insbesondere das längere Telefonat am Handy zwischen Anton und seiner Frau. Beides nicht einfache, inszenatorische Aufgaben. Das beides funktioniert, war ganz besonders im Falle der Wasserturm Szenen wunderbar an den Reaktionen des Publikums abzulesen.
Das Ende des Films ist meiner Meinung nach etwas zu gutmütig, was mir nach dem gestern gesehenen “Biutiful” jedoch ganz recht ist. Es fehlt aber der bittere Beigeschmack, den man von den Enden Biers vorherigen Filmen gewohnt ist. Außerdem ist auffällig, dass alle Figuren, die im Film eine Entwicklung durchschreiten einer höher gestellten Gesellschafts- und Bildungsschicht angehören. So sind Elias Eltern Ärzte und Christians Vater arbeitet eigentlich in London. Einzig der aggressive Familienvater Lars, Arbeiter in einer Kfz-Werkstatt, wird recht oberflächlich behandelt und auch so dargestellt.

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